Zu Besuch bei Flipboard oder wieso Print wirklich sterben wird

18 Apr, 2013

Anlässlich der IAA Study Tour ins Silicon Valley hatten wir letzten Freitag die Möglichkeit Flipboard zu besuchen. Flipboard mit ihren inzwischen über 80 Mitarbeitern ist eines der ganz heissen und erfolgreichen Start-ups im Silicon Valley. Das Unternehmen, welches den schönsten und wohl auch besten personalisierten Tablet News-Reader produziert, hat ihre Büros gleich neben dem ehemaligen privaten Office von Steve Jobs bezogen. Inzwischen mussten sie übrigens bereits einmal umziehen, da die alte Garage aus allen Nähten platzte.
Betritt man die Welt von Flipboard, bewegt man sich in einem stylischen Grossraumbüro, in dem es hektisch zu und her geht und äusserst eng zusammen gearbeitet wird. Designer und Entwickler arbeiten Hand in Hand einerseits an neuen Funktionen und Releases für Flipboard und andererseits an der Integration von Magazinen, Zeitungen und Zeitschriften. Flipboard, das sich als „ the world’s first social magazine“ bezeichnet, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zeitungen und Magazine online gleich gut oder oft auch besser aussehen zu lassen wie offline. Und als regelmässiger Flipboard User kann man das durchaus bestätigen. Der Erfolg auf User- (weit über 20 Millionen) und Publisher-Seite (die müssen inzwischen warten dass, ihr Titel integriert wird) gibt dem 2010 gegründeten Unternehmen mehr als Recht.
Im 2. Stock des Offices in Palo Alto trafen wir den Schweizer Designer Raphel Schaad, der uns zusammen mit seinen Kollegen Marcos Weskampaus aus Argentinien grandiosen Einblick in das Schaffen von Flipboard lieferte.

Das richtige Design Verständnis
Das Produkt wird nicht zuerst vom Designer entworfen, sondern der Designer arbeitet im Team zusammen mit einem Entwickler, respektive ist selbst in der Lage zu entwickeln. Dies garantiert, dass „Style follows Function“ nicht nur ein Buzzword bleibt. Und wenn man dann nach dem Unterschied zwischen dem europäischen Design-Verständnis und dem amerikanischen fragt, kann man dies, wie es Raphael schön formuliert hat, wie folgt unterscheiden: Das Design-Verständnis im Silicon Valley ist nicht „L’Art pour L’Art“, sondern viel mehr „Design is: how things work“. Und wie man bei Flipboard sieht, kann das am Schluss auch verdammt gut aussehen.

Der Silicon Valley Spirit
Überhaupt war der „Silicon Valley Spirit“ einer der ganz grossen Insights in der letzten Woche. Man trifft im Tal auf Leute und Unternehmen, die etwas bewegen, respektive gleich die Welt revolutionieren wollen. Risiken werden als Chance wahr genommen und nicht in gut schweizerischen Manier als Problem. Diese „Just do it“-Mentalität kombiniert mit einer enorm hohen „Dedication and Passion“ ziehen sich wie ein roter Faden durchs ganze Silicon Valley.
Dieser positive Spirit manifestiert sich unter anderem bei Flipboard an den Wänden so:

 

„We have a Strategic Plan – it’s called doing things“

– Herb Kelleher co-founder, Chairman Emeritus, und ehemaliger CEO von Southwest Airlines

 

Werbung ganz traditionell
Das Business Model von Flipboard ist denkbar einfach, sie verkaufen Werbung und teilen den Revenue mit den Content Ownern. Dazu hatten wir extra eine Videokonferenz mit Michael, der das Verkaufsteam in New York leitet. Im Gegensatz zur klassischen Webvermarktung, wo inzwischen niemand mehr wegen den unzähligen Formaten durchblickt, ist es bei ihnen ganz einfach. Schalten kann man nämlich nur ganzseitig, dies reduziert die Formatanzahl auf etwa fünf und nicht fünfzig oder mehr, wie wir es von klassischen Web-Kampagnen her kennen. Und der positive Side Effect: Die Werbetreibenden verstehen es besser, da es einer ganzseitigen Anzeige nachempfunden wurde und können oft bestehende Assets nutzen, was den Einstieg massiv erleichtert. Und die hohen Responseraten zeigen deutlich auf, dass online Werbung hervorragend wirkt, wenn sie nicht in Kleinanzeigen-Größe mit dem Content konkurrenzieren muss, sondern grossflächig und plakativ wirken kann.
Ob die Verleger, die heute wie wild darauf sind, dass man ihre Titel auf Flipboard erhalten kann, in Zukunft auch noch so glücklich sind oder ähnlich wie bei Google über Leistungsschutzrechte und zusätzliche Revenues sprechen wollen, konnte bei Flipboard niemand beantworten.

Papier – ein Newsträger von gestern
Einigen Study Tour Reiseteilnehmern wurde ebenfalls bewusst, dass nicht nur Tageszeitungen auf Papier ein Auslaufmodell sind, sondern auch Wochen- und Monatspublikationen ernsthaft durch die Digitalisierung in Bedrängnis geraten werden, denn Flipboard zeigt schon heute, dass digitales Blättern mehr Spaß machen kann als Papier wälzen.

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About the author

Andreas Widmer

Andreas Widmer ist Gründer von Futurecom interactive, das sich unter seiner Leitung rasch zum führenden Schweizer Anbieter von Online-Marketing-Lösungen entwickelte. Heute leitet er als CEO die Y&R Group Switzerland, der neben Futurecom auch Advico Y&R, Wunderman, Allaccess, Exxtra und Y&R Consulting angehören. Seit es den Frog-Blog gibt - nota bene Mitte 2006 - bloggt Andreas Widmer über die Neuigkeiten der digitalen Welt.

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