Apple und die Zukunft der E-Books

25 Jan, 2012

Was wir heute als E-Books auf dem Kindle oder dem Sony E-Reader kennen, ist wohl erst der Anfang. Für Belletristik und rein textbasierte Sachbücher mögen die heutigen Angebote ausreichen, für anspruchsvollere Fachpublikationen, Zeitschriften, Broschüren oder Lehrmittel hingegen fehlen Interaktivität und Multimedialität. Nicht einmal Farben können die heute verbauten E-Ink-Displays darstellen.

Wenn es nach Apple geht, dann sind iBooks die nächste Entwicklungsstufe von  E-Books. Nein, wir reden hier nicht von den früheren Mac-Notebooks, sondern von der gleichnamigen iOS-App und dem ebenfalls gleichnamigen Dateiformat für E-Books, das letzte Woche vorgestellt wurde. (Was hat sich Apple bloss bei diesem Produktnamen-Recycling gedacht?) iBooks sind farbig, multimedial und interaktiv: Sie können beispielsweise Bildstrecken, Videos, 3D-Modelle oder Multiple-Choice-Tests enthalten. Apple verkauft das Ganze als Innovation für das Bildungswesen, letztlich eignen sich die sogenannte iBooks Textbooks aber für beliebige digitale Publikationen. Dank der neuen, kostenlosen Autoren-Software iBooks Author ist die Erstellung von iBooks sehr einfach, und die bisher gezeigten Beispiele sind ausgesprochen attraktiv. Soweit die gute Nachricht.

Apple iBook Author (Software für Mac OS)

Und nun zur schlechten Nachricht: iBooks sind eine ausgesprochen proprietäre Geschichte und passen damit hervorragend zu Apples Strategie, geschlossene Systeme im Markt zu etablieren. Folgende Dinge muss man wissen, bevor man iBooks publiziert oder erwirbt:

  1. iBooks (die Bücher) lassen sich nur mit iBooks (der App) auf dem iPad lesen.
  2. iBooks (die Bücher) können nur mit iBooks Author erstellt werden; diese Software gibt es nur für den Mac.
  3. iBooks (das Dateiformat) ist zwar eng mit dem neuen EPUB3-Standard verwandt, aber nicht identisch.
  4. iBooks (die Bücher), welche mit iBooks Author erstellt wurden, dürfen ausschliesslich über den Apple iBookstore verkauft werden (wobei Apple 30 Prozent der Einnahmen abschöpft).

Die Absicht ist unverkennbar: Nachdem Apple bereits einen Grossteil des digitalen Musikmarkts kontrolliert, will man sich nun auch im Buchmarkt als Hardware- und Software-Lieferant sowie als Distributionskanal unentbehrlich machen. Gleiches hat allerdings auch Amazon vor, und der Kindle entwickelt sich ebenfalls weiter: Das jüngste Modell Kindle Fire ist kein klassischer E-Book-Reader mehr, sondern ein preisgünstiger Tablet-Computer mit farbigem Touchscreen. Parallel dazu wurde das Kindle Format 8 (KF8) eingeführt, das ebenfalls mit EPUB3 verwandt, aber nicht identisch ist.

Kindle-Produktepalette

Es ist ein Jammer: So wie einst bei den analogen Videoformaten (VHS vs. Betamax vs. Video2000) oder bei den digitalen Audioformaten (DAT vs. MiniDisc vs. DCC) so zeichnet sich nun auch bei den E-Books ein Formatkrieg EPUB3 vs. KF8 vs. iBooks ab. Das ist weder im Interesse der Verlage noch der Leser und schadet letztlich dem gesamten Markt. Aber Apple fühlt sich offenbar stark genug,  diesen Krieg zu führen und hat eine komfortable Ausgangslage (starker Brand, grosse mediale Präsenz, starke Position im Tablet-Markt, Erfahrungen mit iTunes, reichlich finanzielle Reserven). Andererseits ist Amazon ein starker Gegner, und auch der herstellerübergreifende EPUB-Standard bietet Vorteile für Verlage, Buchhändler und Konsumenten. Man darf also gespannt sein.

About the author

Martin Sauter

Aufgrund seines Alters ist Martin Sauter definitionsgemäss kein Digital Native, aber ein bestens integrierter Digital Immigrant. Im Frog Blog bloggt er seit dessen Gründung im Jahr 2006. Als Chief Knowledge Officer der Y&R Group Switzerland ist er ständig auf der Suche nach kommunikative und technologische Trends in der digitalen Welt. Und sein Interesse für neue Tools ist legendär. Follow me on Twitter!

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